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Kreuzweg
Johannes Raphael Potzler (*1957)

Johannes Raphael Potzler Kreuzweg

Kreuzweg von Johannes Raphael PotzlerVierzehn quadratische Bronzereliefs schildern in kraftvoller Plastizität vor spiegelplanem Grund den Leidensweg Christi. Die Stationen sind erzählerisch aufs Äußerste komprimiert, meist erscheint Christus allein. Schon diese Vereinzelung ist ein höchst wirkungsvolles Motiv, eine anrührende, teils erschütternde Bloßstellung des Verurteilten, der körperlichen und seelischen Qualen bei der Kreuztragung, der Einsamkeit des Toten.

Hinzu kommen ganz wenige, aber umso gezielter eingesetzte szenische Andeutungen. Der Weg aus zerklüftetem Fels erscheint teilweise fast unüberwindbar, schwere Wolkenbrocken drücken von oben. Wie beim Guten Hirten erscheint das großförmige steife Gewand Christi zunächst als schützende Hülle, doch umso verletzlicher wirkt der Körper in der 10. Station, wo man Christus seiner Kleider beraubt. Mit Ausnahme der 11. Station bewegt sich der Bilderzyklus in einem als real empfindbaren Raum und arbeitet mit einem sehr eingängigen Vokabular aus markanten, kompakt verfestigten Formen.

Die 11. Station mit der Kreuznagelung schlägt jedoch sichtlich andere Töne an. Das erschütternde Geschehen ist durch radikale Ausschnitthaftigkeit und Verdoppelung in seiner Drastik auf die Spitze getrieben und zugleich ins rein Symbolische abgehoben. Im Hintergrund ist nur ein Arm Christi zu sehen und ein Scherge nagelt ihn mit heftigen Schlägen an das kopfüber platzierte Kreuz. Davor erscheint die genagelte Hand Christi noch einmal, nun aber bildmächtig vergrößert. Aus der Nagelwunde ergießt sich ein Strom von Blut und sammelt sich auf schroffer felsiger Erde. Aus der Blutlache wächst ein Bäumchen auf und treibt kräftige Knospen. Zwei grundverschiedene Ebenen von Bildraum und Bedeutung sind hier miteinander verzahnt. Die Kreuznagelung ist eine Station auf dem Leidensweg Christi und spielt wenn auch nur ausschnitthaft im realen Raum. Die blutende Hand Christi und ihre lebensspendende Kraft in der Welt ist ein Raum und Zeit überspannendes heilsgeschichtliches Bildsymbol.

Neben ihrer unverwechselbaren künstlerischen Eigenart zeichnet die Bronzebildwerke von Johannes Potzler auch eine technische Besonderheit aus. Die meisten Stücke sind Unikate. In der Regel werden Bronzen auf dem Umweg über Abformungen vom Originalmodell gegossen, wodurch mehrere Exemplare möglich sind. Potzler sucht den direktesten Weg. Der Guss erfolgt ohne Zwischenstationen hautnah vom Wachsmodell. Dieses geht dabei unwiederbringlich verloren, dafür aber wird jede feinste, im Wachs modellierte künstlerische Regung in der Bronze verewigt.

Friedrich Fuchs

11. Station: Jesus wird ans Kreuz genagelt
1993
Bronze
45 x 40 x 5 cm

Zu sehen in der Ausstellung „KREUZWEGE. Werke von Berta Hummel, Johannes Potzler und Peter Wittmann. Zum 100. Geburtstag von Berta Hummel (1909-1946)“ bis 2. August 2009 im Museum Obermünster, Emmeramsplatz 1