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Ein Gastbeitrag von Pfarrer Dr. Christoph Seidl

„Ihhh! Is ja voll eklig!“ Mit dieser Reaktion bei der Präsentation des Kunstwerks von Michael Merkel hatte ich – ehrlich gesagt – nicht gerechnet. Obwohl – so ganz von der Hand zu weisen ist es natürlich nicht: Zwei große Tafeln, bestehend aus einem Holzrahmen und einer Reihe von übereinander gewickelten Binden, wie man sie zum Verbinden von Wunden oder von Bandagen her kennt. Das Besondere daran: Jede dieser Binden wurde schon einmal von einem Menschen verwendet. Dementsprechend sind die einzelnen Stoffstreifen auch nicht mehr ganz weiß, sondern leicht verfärbt, rötlich, bräunlich, eben gebraucht. In ihren Fasern haben sich Spuren des menschlichen Lebens eingeprägt.

Ich denke an Schmerz, aber auch an Unterstützung, an Verwundung und zugleich an Heilung. Die einzelnen Binden sind mit einfachen, üblichen Verbandsklemmen zusammengefügt. So ergibt sich ein Wickelbild aus ganz vielen verschiedenen Bahnen. „Ihhh, is ja voll eklig!“ sagt da eine Kirchenbesucherin, als sie die Kirche betritt und die beiden Tafeln zum ersten Mal hängen sieht. Sie denkt an eigene Erfahrungen aus der Klinik, an Verbände und schmerzhafte Zeiten und ist daher zunächst einmal ziemlich irritiert.

Michael Merkel, der Künstler aus Dresden, hat uns zu den Tafeln aus Binden noch eine andere Arbeit anvertraut, sie ist auf dem Hochaltar angebracht: Ein alter Röntgenkasten, auf dem man, wenn man ihn von innen her beleuchtet, die angenagelten Füße Jesu am Kreuz als Radiogramm, als Röntgenbild sehen kann. Die Arbeit ist aus verschiedenen alten Röntgenfolien entstanden. Die Erfindung von Wilhelm Conrad Röntgen aus dem Jahr 1895 hat es ja möglich gemacht, dass wir den Menschen nicht nur mit dem bloßen Auge, also von außen, sondern tiefer sehen, ihn durchleuchten können – ihn also von innen her betrachten können.

Für meine Augen ergänzen sich die Verbandsbilder und der Röntgenkasten. Es geht bei diesem Kunstwerk darum, tiefer sehen zu lernen – nicht nur den Röntgenkasten an sich oder – aha! - Jesus am Kreuz, sondern auch was sich in dem Kreuzesgeschehen verbirgt: nämlich dass Jesus aus Liebe zu den Menschen eben nicht davon gelaufen ist, dass er sich nicht unverbindlich aus dem Staub gemacht hat, sondern sich auf sein Versprechen, auf seine Treue zu den Menschen hat – im wahrsten Sinne des Wortes - „festnageln“ lassen.

Ich verwende mal ein Wortspiel: Ich sehe hinter den Verbänden etwas Verbindliches: Da gibt es einen Schutz in der Verwundung! Ich erkenne darin die Zusage: Du sollst den Zufällen, den Verletzungen, den Widrigkeiten des Lebens nicht hilflos ausgeliefert sein. Du darfst vielmehr sehen, dass dich jemand begleitet und beschützt, dass dir jemand die Treue hält, auch wenn du vor schmerzlichen Erfahrungen nicht bewahrt bleibst im Leben.

Jesus selbst bleibt auch nicht vor diesen Erfahrungen verschont – er begibt sich geradezu sehenden Auges in diese Erfahrungen hinein. Die Zeitgenossen, die im Tun Jesu nicht Gottes Zuwendung zu den Menschen erkennen können oder wollen, bündeln ihren Groll und ihre Ablehnung und bringen Jesus ans Kreuz. Aber am Ostermorgen werden Leinenbinden übrigbleiben, das letzte, was gute Menschen Jesus an Zuwendung und Liebe schenken konnten (vgl. Joh 20,6f). Und so sehe ich Michael Merkels Kunstwerk: Verbandsmaterial – das was so vielen Menschen in ihrer Verletzung als Schutzhülle dient, das hinterlässt Jesus. In meinen Augen auch noch einmal eine Art Testament: Wie er Brot und Wein hinterlässt als Zeichen seines Bundes, lässt er die Leinenbinden zurück als Zeichen seiner Zuwendung zu den Menschen, als Zeichen seiner Verbindlichkeit.

Verbindlichkeit ist auch ein Heilmittel für diese Zeit. Abstand halten ist das eine. Sich der Menschen in Ausnahmesituationen anzunehmen ist das andere, ebenso Wichtige! Not macht erfinderisch – und es lässt staunen, auf welche Angebote im virtuellen Bereich oder durch Nachbarschaftshilfe die Menschen momentan kommen. Vielleicht lehrt diese Zeit sogar wieder neu, verbindlich zu sein.

Fotos: Gerald Richter
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